Fragen Sie zehn Trader, was die wellige Linie unter ihrem Kurschart bedeutet, und neun antworten gleich: über 70 verkaufen, unter 30 kaufen. Diese Faustregel ist leicht zu merken, aber oft unzuverlässig. Der Relative-Stärke-Index (RSI) ist ein Momentum-Indikator (zeigt die Stärke der jüngsten Kursbewegung), der von 0 bis 100 skaliert ist. Er vergleicht durchschnittliche Gewinne mit durchschnittlichen Verlusten über einen festen Rückblick (meist 14 Kerzen/Perioden) und zeigt, wie einseitig die jüngsten Bewegungen waren. Der RSI sagt die Richtung nicht voraus; derselbe Wert kann in einem Trend etwas anderes bedeuten als in einer Seitwärtsphase.
Dieser Leitfaden erklärt den RSI-Indikator von der Rechnung aus, zeigt passende Einstellungen je Handelsstil, das Lesen des RSI im Marktkontext, Muster wie Divergenz (Kurs macht neue Hochs/Tiefs, RSI bestätigt nicht) und Failure Swings (mechanisches Umkehrsignal im RSI), sowie typische Fehler, die entstehen, wenn 70/30 als alleinige Signale genutzt werden.
Key takeaways
- Der Relative-Stärke-Index (RSI) ist ein Momentum-Indikator von 0 bis 100, der den Durchschnittsgewinn mit dem Durchschnittsverlust über ein Rückblickfenster (meist 14 Perioden) vergleicht.
- Werte über 70 deuten auf überkauft (Kurs ist stark gelaufen) hin, Werte unter 30 auf überverkauft (Kurs ist stark gefallen). In starken Trends kann der RSI aber lange überkauft oder überverkauft bleiben.
- Wichtiger als die Schwelle ist das Marktregime (Trend oder Seitwärtsphase): Im Bullenmarkt liegt der RSI oft etwa zwischen 40 und 90, im Bärenmarkt eher zwischen 10 und 60.
- Drei fortgeschrittene Muster: RSI-Divergenz, positive/negative Reversals (Trendfortsetzungssignale nach Cardwell) und Failure Swings. Failure Swings haben klare Auslöse-Regeln.
- RSI-Einstellungen sollten zu Stil und Zeithorizont passen. Kürzere Rückblicke liefern mehr Signale, aber auch mehr Fehlalarme.
RSI stock meaning: was die Zahl wirklich misst
Der Relative-Stärke-Index (RSI) wurde von J. Welles Wilder Jr. entwickelt und 1978 in New Concepts in Technical Trading Systems veröffentlicht – zusammen mit der Average True Range (ATR, misst die durchschnittliche Handelsspanne und damit Volatilität), dem Directional Movement Index (DMI, Trendstärke/-richtung) und dem Parabolic SAR (Trendfolge-Indikator mit Stop-Niveau).
Der RSI vergleicht, wie oft und wie stark Kurse zuletzt gestiegen sind, mit den vorherigen Rückgängen, und fasst dieses Kräfteverhältnis in einer Zahl zusammen. Wichtig: Er betrachtet nicht den „Wert“ der Bewegung in Euro/Dollar, sondern das Verhältnis von Aufwärts- zu Abwärtsbewegungen. Darum kann ein Kurs stark steigen, während der RSI „nur“ im Bereich um 60 bleibt – und umgekehrt kann ein langsames Absinken schon einen überverkauften Wert erzeugen. Der RSI misst das innere Gleichgewicht der Bewegung, nicht die zurückgelegte Strecke.
Auf den meisten Plattformen, darunter MT4, MT5 und Web-Terminals, liegt der Indikator in einem eigenen Fenster unter dem Chart. So lassen sich Momentumwechsel schnell mit Chartmustern abgleichen. Die 50-Linie ist die Mittellinie: darüber überwiegt Aufwärtsmomentum, darunter Abwärtsmomentum.

Die RSI-Formel und RSI per Hand berechnen
Die RSI-Formel ist kurz:
- RSI = 100 – [100 / (1 + RS)], wobei RS = Durchschnittsgewinn / Durchschnittsverlust über den gewählten Rückblick ist.
Der erste RSI-Wert nutzt einfache Durchschnittswerte: Alle positiven Schlusskursänderungen der letzten 14 Perioden addieren und durch 14 teilen (Durchschnittsgewinn); ebenso alle negativen Änderungen (Durchschnittsverlust). Ab dem zweiten Wert nutzt Wilder eine Glättung (neue Werte fließen schrittweise ein):
- Neuer Durchschnittsgewinn = [(vorheriger Durchschnittsgewinn x 13) + aktueller Gewinn] / 14
- Neuer Durchschnittsverlust = [(vorheriger Durchschnittsverlust x 13) + aktueller Verlust] / 14
Diese Glättung verhält sich ähnlich wie ein exponentieller gleitender Durchschnitt (EMA: Durchschnitt, der jüngere Daten stärker gewichtet) mit einem Faktor von 1/14. Dadurch verschiebt eine einzelne starke Kerze die Linie eher, als dass sie sie „herauskatapultiert“.
Ein Gold-Beispiel mit Preisen aus 2026
Spot-Gold notierte laut Convex-Marktdaten am 5. September 2026 nahe 4.477 US-Dollar je Unze, nach einem Hoch bei rund 4.722 US-Dollar im April. Angenommen, Gold schloss an neun der letzten 14 Sitzungen höher (zusammen +126 US-Dollar) und an fünf Sitzungen niedriger (zusammen -70 US-Dollar).
- Durchschnittsgewinn = 126 / 14 = 9,00
- Durchschnittsverlust = 70 / 14 = 5,00
- RS = 9,00 / 5,00 = 1,80
- RSI = 100 – (100 / 2,80) = 64,3
Wenn der Durchschnittsgewinn 1,8-mal so hoch ist wie der Durchschnittsverlust, ist das Momentum positiv, aber nicht extrem.
RSI-Einstellungen: 14 ist ein Startwert, keine Regel
Wilder wählte 14 für tägliche Rohstoffcharts in den 1970ern. Ihr Markt und Ihr Zeithorizont sind anders. Eine Anpassung ist der schnellste Weg, den RSI an den eigenen Prozess anzupassen – ob Scalping (sehr kurze Trades) oder Swing Trading (Trades über Tage/Wochen).
| RSI settings | Suits | Take note |
|---|---|---|
| 7 to 10 periods | Scalping and intraday | Signal count rises sharply, so does the share of false signals |
| 14 periods | Default, most markets | Balanced, but generic across every asset |
| 21 to 30 periods | Position and swing traders | Smoother line, later entries, weaker reward-to-risk |
| 80/20 thresholds | Crypto, small caps, high-beta shares | Fewer alerts, higher conviction |
| 60/40 thresholds | Trend-following filters | Cuts whipsaws inside a bull market or bear market |
Kürzerer Rückblick erhöht die Empfindlichkeit; längerer Rückblick macht das Signal stabiler, aber später.
Erst das Marktregime lesen, dann die Zahl
Das trennt sinnvolle RSI-Nutzung von Mythos. Constance Brown zeigte auf Basis der Arbeit von Andrew Cardwell, dass sich typische RSI-Spannen je Marktregime verschieben.
| Regime | Typical RSI range | Where support or resistance forms | What it means in practice |
|---|---|---|---|
| Bullish trend | 40 to 90 | 40 to 50 acts as support | Pullbacks to 45 are entries, not warnings |
| Bearish trend | 10 to 60 | 50 to 60 acts as resistance | Rallies to 55 are exits, not recoveries |
| Trading range | 30 to 70 | Both bands hold | Classic mean reversion at the boundary |
In einem starken Aufwärtstrend kann ein RSI unter 30 schlicht nicht vorkommen – wer darauf wartet, verpasst den Markt. Wer in derselben Phase „überkauft“ (über 70) shortet, handelt gegen den Trend. Überkauft/überverkauft beschreibt Momentum, nicht den Zeitpunkt einer Umkehr. Konsequenz: Schwellen, die in Seitwärtsmärkten funktionieren, passen oft nicht in Trends.
Warum die 50-Linie oft wichtiger ist als 70 und 30
Liegt der RSI überwiegend über 50, dominiert Aufwärtsmomentum und der Aufwärtstrend bleibt intakt. Liegt er überwiegend unter 50, überwiegt Abwärtsmomentum. Praktisch: Ein nachhaltiger Anstieg über 50 ist ein Momentumwechsel zugunsten der Käufer; ein Rückfall darunter verschiebt ihn wieder. Positionen an diesem Filter auszurichten ist oft robuster, als Extremwerte zu jagen.
Trendlinien lassen sich auch direkt im Oszillator einzeichnen. Bricht eine steigende RSI-Unterstützungslinie, während der Kurs noch „gesund“ wirkt, kann das ein frühes Warnsignal für eine Trendwende sein. Das ist eher Erfahrungswissen als gesicherter Beweis.
RSI-Divergenz, kurz erklärt
Eine RSI-Divergenz liegt vor, wenn der Kurs ein neues Extrem markiert, der RSI dieses Extrem aber nicht bestätigt.
- Bullische Divergenz: Kurs macht ein tieferes Tief, RSI ein höheres Tief. Häufig verlässlicher nach längerer Schwäche nahe überverkauften Bereichen und an einer klaren Unterstützung.
- Bärische Divergenz: Kurs macht ein höheres Hoch, RSI ein tieferes Hoch. Oft vor Korrekturen, besonders nahe Widerständen.
Divergenzen sind am stärksten nach längeren Extremphasen und am schwächsten in „durchlaufenden“ Trends, in denen eine Divergenz Wochen bestehen kann, während der Kurs weiterläuft. Handeln Sie erst nach Bestätigung, zum Beispiel nach Bruch eines letzten Schwungniveaus oder einer Umkehrkerze (Candlestick: einzelne Kurskerze mit Open/High/Low/Close).
Positive und negative Reversals: das Muster, das wie Divergenz wirkt
Cardwells positive und negative Reversals drehen die klassische Divergenzlogik um und führen deshalb oft zu Fehlinterpretationen.
| Pattern | Price does | RSI does | Implication |
|---|---|---|---|
| Positive reversal | Higher low | Lower low | Hidden strength, uptrend likely continues |
| Negative reversal | Lower high | Higher high | Hidden weakness, downtrend likely continues |
| Bullish divergence | Lower low | Higher low | Selling pressure fading, potential reversals up |
| Bearish divergence | Higher high | Lower high | Buying pressure fading, potential reversals down |
Der Unterschied zählt: Divergenzen warnen vor Ermüdung; positive/negative Reversals sprechen eher für Trendfortsetzung.
Failure Swings: das Signal mit festen Auslöse-Regeln
Wilder sah Failure Swings als starkes Signal, weil es mechanisch ist und nicht „nach Gefühl“ im Kurschart gesucht werden muss.
Bullischer Failure Swing
- RSI fällt unter 30 (überverkauft).
- RSI steigt wieder über 30 bis zu einem Zwischenhoch (Auslösemarke).
- RSI fällt zurück, bleibt aber über dem vorherigen Tief.
- RSI bricht über die Auslösemarke: Kaufsignal.
Bärischer Failure Swing
- RSI steigt über 70 (überkauft).
- RSI fällt wieder unter 70.
- RSI steigt erneut, schafft es aber nicht zurück über 70.
- RSI bricht unter das vorherige Zwischentief: Verkaufssignal.
Failure Swings sind selten. Weil der Auslöser eindeutig ist, lassen sich Einstieg, Stop-Loss (Verlustbegrenzungs-Order) hinter dem Schwungpunkt und ein Ziel an der nächsten wichtigen Kurszone vorab definieren.
Drei RSI-Strategien, die sich klar formulieren lassen
Diese drei Ansätze sind klar regelbasiert und passen zu unterschiedlichen Handelsstilen:
- Trend-Pullback nach Regime. Richtung mit gleitenden Durchschnitten (Moving Averages: geglättete Durchschnittskurse) bestimmen, dann in Aufwärtstrends Rücksetzer in die Zone 40–50 kaufen oder in Abwärtstrends Erholungen in 50–60 verkaufen.
- Range-Fade. In einer klaren Seitwärtsrange an den Grenzen handeln: an Unterstützung bei überverkauft kaufen und an Widerstand bei überkauft verkaufen, mit Stopp knapp außerhalb der Range.
- Bestätigte Divergenz. Divergenz plus Bruch des letzten Schwungpunkts als Bestätigung abwarten, um „hängende“ Divergenzen zu filtern.
Für jede Strategie gilt: Ungültigkeit (wann der Trade falsch ist) vor dem Einstieg festlegen. Die Kombination mit MACD (Moving Average Convergence Divergence: vergleicht zwei gleitende Durchschnitte) oder Volumen kann Signale verbessern – vermeiden Sie aber mehrere Werkzeuge, die dasselbe messen.
Was Studien und Tests zum RSI sagen
Viele Tests kommen zum gleichen Ergebnis: Der RSI ist als Filter nützlich, als alleiniger Auslöser oft schwach. Ein öffentlicher Backtest mit 23.487 RSI-Trades zeigte für 14 Perioden im Stundenchart etwa 53% Gewinnquote, deutlich schlechter auf Ein- und Fünf-Minuten-Charts. Das kann nur dann ein Vorteil sein, wenn Positionsgröße, Kosten und Bestätigung berücksichtigt werden und die Regeln in unterschiedlichen Marktphasen funktionieren.
Hinweise für die Praxis beim Einsatz des RSI
Der RSI zeigt überdehnte Phasen, aber er „timt“ keine Wendepunkte und kennt keine Überraschungen durch Zentralbanken.
- Jedes Extrem als Signal handeln. Häufigster Fehler. In einem starken Aufwärtstrend bedeutet „überkauft“ oft: Stärke, nicht Verkaufszeitpunkt.
- Eine Einstellung für alles. 14 Perioden mit 70/30 für einen Fünf-Minuten-Trade und einen Wochenchart zu verwenden, ignoriert unterschiedliche Dynamik.
- Divergenzen zu früh handeln. Kurse können länger extrem bleiben, als ein enger Stopp überlebt.
- Blindstellen ignorieren. Der RSI sieht nur den Preis. Volumen, Unternehmenszahlen, Konjunkturdaten und Liquiditätsschocks (wenn Handel „austrocknet“) liegen außerhalb.
- Risikoteil auslassen. Positionsgröße, Stopps und Risikomanagement bestimmen das Ergebnis stärker als jede Schwelle. Regeln anpassen, wenn sich Volatilität (Schwankungsintensität) ändert, und Drawdowns (zwischenzeitliche Rückgänge des Kontostands) beobachten.
RSI im Vergleich zu anderen Indikatoren
| Tool | Measures | Strongest at | Reminder |
|---|---|---|---|
| RSI | Ratio of average gain to average loss | Identifying overbought and oversold levels | Blind to volume and news |
| MACD | Gap between two moving averages | Trend and momentum shifts | Lags at turning points |
| Stochastic | Close relative to recent range | Fast reads inside a range | Noisier than RSI |
| ATR | Average range of price movements | Sizing stops and targets | Says nothing about direction |
Kein einzelnes Werkzeug ist „der Gewinner“. Robuste Ansätze kombinieren den RSI mit ein bis zwei Indikatoren, die wirklich etwas anderes messen, etwa Volumen oder Volatilität. Wichtig: Der Relative-Stärke-Index ist nicht die „Relative Strength“ aus dem Aktien-Screening, die Aktien gegeneinander oder gegen einen Index vergleicht. Gleicher Begriff, andere Berechnung.
Häufige Fragen
Was ist ein guter RSI-Wert zum Kaufen oder Verkaufen?
Eine feste Zahl gibt es nicht. Viele Trader kaufen in Aufwärtstrends Rücksetzer unter 40 und verkaufen in Abwärtstrends Erholungen über 60 – erst nach Prüfung von Trend und Kurszonen. Der sinnvolle RSI hängt von Asset, Zeithorizont und Marktregime ab.
Kann man den RSI im Intraday-Handel nutzen?
Ja, von Ein-Minuten- bis Stundencharts. Kürzere Rückblicke machen den RSI sprunghafter; daher nutzen Intraday-Trader oft 80/20-Bänder und ergänzen Filter wie VWAP (volumengewichteter Durchschnittspreis) oder Session-Struktur.
Funktioniert der RSI bei Aktien, Forex, Krypto und Rohstoffen?
Der RSI basiert nur auf dem Preis und ist daher überall anwendbar. Weil die Schwankungen stark variieren, sollten Schwellen je Instrument neu kalibriert werden.