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Der blinde Fleck der Weltraumwirtschaft

by VT Markets
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Aug 14, 2026
Rocket launching from Earth's surface with a bright exhaust, surrounded by satellites orbiting a curved blue planet against a pale sky.

Mehrere Raumfahrtunternehmen haben in den vergangenen Monaten Quartalszahlen vorgelegt, die die Erwartungen deutlich übertroffen haben. Trotzdem fielen die Aktien. Die Begründungen lagen meist nicht in der Berichtssaison selbst, sondern außerhalb des Quartals: Zeitpläne für Starts, geplante Ausgaben oder eine neue Prognose (Guidance, also die Unternehmensvorschau auf Umsatz und Gewinn), nicht eine Schwäche der gemeldeten Ergebnisse.

Diese Reaktion zeigt eine größere Lücke zwischen dem, wie der Markt den Raumfahrtsektor bewertet, und dem, wo das Wachstum entsteht.

Startkapazität bleibt zentral. Sie ermöglicht erst die übrigen Geschäfte, und für Unternehmen wie Rocket Lab und SpaceX ist die Kontrolle über Starts ein wichtiger Vorteil. Doch die Rakete wird immer mehr zum Zugang – nicht mehr zur gesamten Investment-Story.

Die schneller wachsenden Teile vieler Raumfahrtmodelle liegen heute in Dienstleistungen rund um Starts: Satelliten, Verteidigung, Kommunikation, Daten und Infrastruktur. Der Markt achtet jedoch oft weiterhin vor allem auf den sichtbarsten Meilenstein: den nächsten Raketenflug.

Die Rakete ist der Zugang, nicht das Ziel

Eigenständige Startfähigkeit eröffnet Chancen, die viele Wettbewerber nicht haben. Raketen zu bauen und zu betreiben ist technisch anspruchsvoll, kapitalintensiv (also mit hohem Geldbedarf) und strategisch wertvoll.

Doch Zugang ist nicht gleich Wachstum.

Bei mehreren führenden Raumfahrtunternehmen bleibt die Rakete das Aushängeschild, obwohl andere Bereiche zunehmend mehr Umsatz und langfristigen Wert liefern. Das Startgeschäft schafft die Plattform, doch wiederkehrende Erlöse (Recurring Revenue, also regelmäßig wiederkehrende Einnahmen, etwa aus Abos oder laufenden Verträgen) könnten bestimmen, wo das künftige Wachstum herkommt.

Rocket Lab ist dafür ein besonders klares Beispiel.

Aktuelle Chancen für RKLB

Rocket Lab meldete im zweiten Quartal einen Umsatz von 234,1 Mio. US-Dollar, ein Rekord und ein Plus von 62% gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragsbestand (Backlog, also bereits vertraglich gesicherte, aber noch nicht als Umsatz verbuchte Aufträge) stieg auf 2,36 Mrd. US-Dollar, gestützt durch einen 397-Mio.-US-Dollar-Vertrag der Space Force und den ersten US-Regierungsauftrag in der geostationären Umlaufbahn (GEO: sehr hohe Umlaufbahn, in der Satelliten für Beobachter am Boden „stehen bleiben“).

Trotzdem gab die Aktie nach.

Der Hauptdruck kam von einer schwächeren Vorschau für das dritte Quartal sowie Aussagen von CEO Peter Beck, dass das Zeitfenster für den Erstflug von Neutron bis Jahresende enger werde.

Der Markt blickte auf den nächsten Start-Meilenstein. Der aktuelle Geschäftsmix zeigt aber mehr.

Rocket Labs am schnellsten wachsender Bereich ist Space Systems. Dazu gehören Satellitenbauteile, Programme für das Militär und die Serienfertigung. Dieses Segment wächst schneller als das Startgeschäft.

Die noch ausstehende Iridium-Übernahme, angekündigt im zweiten Quartal, bringt eine weitere Dimension. Nach Abschluss soll der Deal rund 870 Mio. US-Dollar an jährlichen wiederkehrenden Sat-Erlösen beisteuern und Rocket Labs Nicht-Startgeschäft deutlich vergrößern.

Das kann positiv sein. Dennoch bleibt Neutron ein wichtiger Kurstreiber (Catalyst: Ereignis, das den Kurs stark bewegen kann), weil es Rocket Lab in einen größeren Markt führt. Electron ist für kleine Nutzlasten ausgelegt, Neutron zielt auf größere kommerzielle Fracht, Missionen der nationalen Sicherheit und den Aufbau von Satelliten-Konstellationen (viele Satelliten, die gemeinsam ein Netz bilden).

Gelingt Neutron, öffnen sich Verträge, um die Electron nicht konkurrieren kann.

SpaceX-Aktie zeigt ähnliche Bewertungslogik

Der erste Ergebnisbericht von SpaceX als börsennotiertes Unternehmen zeigte ein ähnliches Muster.

Der Umsatz stieg auf 7,81 Mrd. US-Dollar, plus 92% und fast 1 Mrd. über den Erwartungen. Trotzdem fiel die Aktie, weil Investoren auf die Investitionsausgaben (Capital Spending/Capex: Ausgaben für Anlagen und Aufbau, etwa Fabriken, Rechenzentren, Satelliten) schauten: 18,4 Mrd. US-Dollar im Quartal.

Ein großer Teil floss in KI-Infrastruktur (Rechenzentren, Chips, Netzwerke), was Sorgen über das Tempo der Investitionen auslöste. Die Umsatzaufteilung zeigt jedoch ein anderes Bild.

Zusammen erzielten diese Geschäftsbereiche mehr Umsatz als das Startgeschäft. Ein Punkt, den wir bereits im Mai hervorgehoben haben.

Die Ausgaben, die Investoren beunruhigten, hängen stark mit Bereichen zusammen, die bereits zu größeren Geschäften werden. SpaceX bleibt ein Raketenunternehmen. Doch die Bewertung hängt zunehmend davon ab, was die Raketen ermöglichen.

Planet Labs: ähnliches Fehlpricing am Markt

Planet Labs zeigt ein ähnliches Muster außerhalb des Startmarkts.

Das Unternehmen meldete zuletzt höheren Umsatz, bessere Ergebnisse und Fortschritte in Richtung bereinigter EBITDA-Gewinnschwelle (Adjusted EBITDA Breakeven: Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, um Sondereffekte bereinigt; „Breakeven“ heißt etwa null). Trotzdem fiel die Aktie nach vorsichtiger Prognose.

Später kam weiterer Druck durch eine Aktienplatzierung über 1,5 Mrd. US-Dollar (Kapitalerhöhung/Angebot neuer Aktien, was den Anteil bestehender Aktionäre verwässert) und eine Rotation weg von kleineren Raumfahrtwerten. Hier reagierte der Markt eher auf Finanzierung und Erwartungen als auf eine Verschlechterung des Bilddaten-Geschäfts.

Das heißt nicht, dass alle Raumfahrtaktien gleich reagieren. Unternehmen wie AST SpaceMobile und Intuitive Machines fielen ebenfalls nach Zahlen – dort spiegelten die Bewegungen jedoch klarere operative Probleme wider.

Der Kernpunkt ist: Mehrere Unternehmen zeigen messbaren Fortschritt, doch Investoren schauen oft stärker auf den nächsten Meilenstein als auf das bereits laufende Wachstum.

Der Staat ist zum Ankerkunden geworden

Ein wichtiger Treiber ist die veränderte Rolle staatlicher Nachfrage.

Vor zehn Jahren basierten viele Investitionen in die kommerzielle Raumfahrt auf Zukunftsversprechen. Heute sind Behörden große Kunden für Infrastruktur im All, Verteidigungsfähigkeiten und Satellitensysteme.

Die US Space Force, NASA-Programme und Geheimdienste sind nicht mehr nur gelegentliche Käufer. Sie sind häufig die ersten Kunden, die neue Kategorien von Raumfahrttechnik finanzieren – auch bei sehr großen Projekten.

RKLB, früher vor allem als Startanbieter bekannt, konkurriert inzwischen neben großen Rüstungskonzernen um Satelliten- und Sicherheitsaufträge. Die Übernahme von Geost erweiterte die Fähigkeiten in elektro-optischer und Infrarot-Sensorik (Elektro-optisch: Kameras im sichtbaren Licht; Infrarot: Wärmesignaturen), und stützt den Ausbau bei Verteidigungs-Nutzlasten.

Auch Planet Labs geht über kommerzielle Erdbeobachtung hinaus: Aufträge aus Verteidigung und Nachrichtendiensten werden ein größerer Teil von Umsatz und Auftragsbestand.

Diese Unternehmen verkaufen nicht mehr nur Raketen oder Satellitenbilder.

Sie liefern robuste Kommunikation, Überwachungsfähigkeit (Surveillance: systematische Beobachtung), Trackingsysteme und weitere Infrastruktur, die Staaten schon finanzieren, bevor die kommerzielle Nachfrage voll entwickelt ist. Damit wird aus der Raumfahrtwirtschaft stärker eine Verteidigungs-Story.

Der Markt bewertet noch das alte Modell

Starts sind der sichtbarste Teil des Sektors, aber nur ein kleiner Teil der gesamten Raumfahrtwirtschaft.

Ein Großteil des Werts steckt in Bereichen wie:

  • Satellitendienste
  • Erdbeobachtung (Earth Observation: Beobachtung der Erde aus dem All, z. B. für Karten, Landwirtschaft, Sicherheit)
  • Verteidigungsanwendungen
  • Fertigung
  • Infrastruktur im Orbit (on-orbit: im All im laufenden Betrieb, z. B. Plattformen, Service-Systeme)

Der Bewertungsrahmen des Markts hat sich daran noch nicht vollständig angepasst.

Starts sind leicht zu verstehen: Es gibt Termine, Schlagzeilen und klare Ergebnisse. Eine Verzögerung oder höhere Ausgaben liefern sofort ein einfaches Narrativ.

Wiederkehrende Sat-Erlöse, Staatsverträge und Infrastrukturgeschäfte wachsen langsamer. Sie beeinflussen die Gewinne langfristig oft stärker, bekommen kurzfristig aber weniger Aufmerksamkeit.

So entsteht eine Lücke zwischen dem, was den Kurs bewegt, und dem, was das Geschäft trägt.

Der nächste Trade jenseits des Start-Meilensteins

Zeitpläne für Starts bestimmen Schlagzeilen, und Investitionsrisiken sowie Ausführungsrisiken (Execution Risk: Risiko, dass Pläne technisch/organisatorisch nicht gelingen) sind wichtig. Doch Neutrons Fortschritt, SpaceX’ Investitionsdisziplin und Planet Labs’ Finanzierungsentscheidungen ergeben ein breiteres Bild.

Diese Faktoren sollten zusammen mit dem Gesamtgeschäft bewertet werden – nicht als alleinige Investment-Story.

Das ist die gleiche Lehre hinter Rocket Labs zwei Kursrückgängen in diesem Jahr. Was in Erinnerung bleibt, ist der Flug. Entscheidend war beide Male, was am Boden geschah, während alle in den Himmel schauten.

Für Trader und Anleger ist oft entscheidend, ob der Markt auf die Schlagzeile reagiert oder auf die Fundamentaldaten (Fundamentals: Umsatzqualität, Margen, Auftragslage, Cashflow). In mehreren aktuellen Fällen wurde die Kursreaktion von Sorgen über künftige Meilensteine getrieben, während die Unternehmen selbst außerhalb des Startgeschäfts weiter wachsen.



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