
Seit zwei Jahren beantwortet Salesforce eine heikle Frage: Kann Künstliche Intelligenz (KI) herkömmliche Software weniger wertvoll machen? Am Mittwoch schien der Markt die Antwort zu akzeptieren.
Der Konzern stellte Claudeforce vor: eine ausgeweitete Partnerschaft mit Anthropic. Dabei werden Salesforce-Daten, Arbeitsabläufe und Zugriffsrechte direkt in Claude integriert (Claude ist ein KI-Chatprogramm von Anthropic). Die Nachricht trieb die CRM-Aktie im nachbörslichen Handel nach oben und verlagerte den Fokus: weniger die Frage, ob KI Salesforce verdrängt, sondern ob Salesforce im KI-Zeitalter Geld verdienen kann.
Die Ankündigung kam zusammen mit den Zahlen zum zweiten Quartal. Das ließ CRM im nachbörslichen Handel um rund 14% steigen. Marc Benioff wies zugleich die These eines Einbruchs bei SaaS zurück – SaaS steht für „Software as a Service“, also Software im Abomodell aus der Cloud – und sprach von der sogenannten „Saaspocalypse“; KI-Agenten (Programme, die Aufgaben weitgehend selbstständig ausführen) würden die Rolle von Salesforce eher ausbauen als schwächen.
Entscheidend war weniger die Partnerschaft an sich als die Richtung: Salesforce baut keine eigene KI-Oberfläche, sondern geht in die Oberfläche eines anderen Anbieters.
Damit reagiert Salesforce auf eine Kernfrage klassischer Softwareanbieter: Wenn KI-Agenten zur neuen Bedienebene werden, ist es dann noch wichtig, die Oberfläche selbst zu besitzen?
Salesforce wettet darauf, dass die Antwort „nein“ lautet. Daten, Arbeitsabläufe und Regeln für Sicherheit und Zugriff (Governance) sollen wertvoll bleiben, auch wenn die „Bildschirmseite“ jemand anderem gehört. Das ist plausibel, aber nicht bewiesen.
Wofür Claudeforce steht
Claudeforce startet als Erweiterung (Plugin), die Claude mit Salesforce-Arbeitsabläufen verbindet. Es gibt 37 vorgefertigte Vertriebsfunktionen, etwa E-Mails entwerfen, Datensätze aktualisieren und Folgeaufgaben – direkt im Chat.
Der Ansatz ist auf Kontrolle in Unternehmen ausgelegt. Administratoren verwalten Anmeldung und Zugriffsrechte zentral, sodass Vertriebsteams freigegebene Arbeitsabläufe ohne individuelle Einrichtung nutzen können.
Die Partnerschaft baut auf bestehender Zusammenarbeit auf. Claude läuft bereits in Agentforce (Salesforce’ KI-Agenten-Plattform). Zudem haben Salesforce und Anthropic die Anbindung über Slack (die Team-Chat-Software von Salesforce) sowie über Integrationen mit dem Model Context Protocol (ein Standard, damit KI-Modelle kontrolliert auf externe Daten und Werkzeuge zugreifen können) ausgebaut.
Das Produkt entstand auch aus praktischen Problemen: Das Vertriebsteam von Anthropic stieß bei der Nutzung von Salesforce über Claude auf Hürden bei Arbeitsabläufen. Daraus wurde ein breiteres Produkt.
Die wachsende KI-Nutzung verändert, wie Software genutzt wird. Salesforce positioniert sich in diesem Übergang, statt ihn zu blockieren. Das ist ein Muster vieler Unternehmen im vergangenen Jahr. Mehr dazu, wie ältere Softwareanbieter, Shopify und Allbirds in den KI-Wettlauf eingestiegen sind.
Die Spannung hinter der Kursrally
Salesforce baute sein Geschäft darauf, der zentrale Arbeitsort für Vertriebsteams zu sein. Anfang 2026 war die Sorge: KI-Agenten könnten diese Oberfläche weniger wichtig machen – und damit das klassische Modell „Preis pro Nutzer“ (per seat) schwächen.
Claudeforce akzeptiert diese Möglichkeit und versucht, daraus Nutzen zu ziehen.
Wenn Nutzer über KI-Agenten statt über die Salesforce-Oberfläche arbeiten, könnte die Nutzung der Plattform steigen – weil Daten, Rechte und Arbeitsabläufe weiter nötig bleiben.
Der Strategiewechsel ist klar:
Salesforce will nicht mehr das Ziel sein, sondern die Infrastruktur dahinter.
Das eröffnet Chancen, verändert aber die Ertragslogik. Wer innerhalb einer anderen Plattform nur die vertrauenswürdige Datenschicht liefert, hat oft weniger Spielraum für Preiserhöhungen als der Anbieter, der die Kundenschnittstelle kontrolliert.
Warum die CRM-Aktie auf den KI-Schwenk reagierte
Vor den Zahlen ging es Anlegern weniger um Marge als um die Frage, ob das Wachstum wieder anziehen kann. Die Aktie war deutlich von früheren Höchstständen gefallen, weil befürchtet wurde, dass KI das SaaS-Geschäftsmodell unter Druck setzt.
Vor der Veröffentlichung wurde CRM mit einem Abschlag gegenüber anderen Softwarewerten gehandelt – Ausdruck von Unsicherheit beim Wachstum. Das Quartal gab Anlass zur Neubewertung.
| Kennzahl | Q2 GJ27 |
| Umsatz | 11,35 Mrd. USD, +11% zum Vorjahr |
| Nettogewinn | 3,53 Mrd. USD, +87% zum Vorjahr |
| Freier Cashflow | 1,10 Mrd. USD, +81% |
| Agentforce ARR | Über 1,5 Mrd. USD, mehr als +240% zum Vorjahr |
| Umsatzprognose GJ27 | Angehoben auf 46,1–46,4 Mrd. USD |
Die Aktie lag 43% unter dem Allzeithoch, bei rund 171 Mrd. USD Börsenwert. Das durchschnittliche Analystenziel lag bei 252 USD, der Kurs bei etwa 209 USD. Bewertet wurde die Aktie mit etwa dem 14,8-Fachen des erwarteten Gewinns (Forward-KGV: Kurs im Verhältnis zum erwarteten Gewinn der nächsten 12 Monate) – gegenüber einem Branchenschnitt um 23.
Das wichtigste Signal war nicht nur das bessere Ergebnis. Entscheidend war: Die KI-Nutzung wächst.
Salesforce meldete bislang 7,0 Milliarden „Agentic Work Units“ – das sind gezählte Arbeitsschritte, die KI-Agenten erledigen – davon 3,2 Milliarden allein im zweiten Quartal. Auch Slack legte zu: Die Zahl der Slackbot-Nutzer stieg um mehr als 150% gegenüber dem Vorquartal. (Slackbot ist der eingebaute Assistent in Slack.)
Bei einer Umstellung auf KI-Plattformen zählt Nutzung, weil die Umsatzphase meist später kommt.
Die Gewinnsprünge kamen nicht nur aus dem Kerngeschäft
Die Kursreaktion fokussierte die positiven Punkte, doch einige Details verdienen einen genaueren Blick.
Die ausgewiesene Verbesserung enthielt auch Effekte außerhalb des laufenden Geschäfts:
- Nettogewinn: Ein Gewinn von 2,6 Mrd. USD aus strategischen Beteiligungen – darunter Einfluss durch Anthropic – hob das Ergebnis sichtbar
- EPS-Prognose: EPS heißt Gewinn je Aktie; der Anstieg spiegelt nicht nur operative Verbesserungen
- Bilanz: Ein durch Schulden finanzierter Aktienrückkauf über 25 Mrd. USD erhöhte den Verschuldungsgrad (Leverage) und dämpfte die Erwartungen an das Wachstum des freien Cashflows
Operativ zeigte das Quartal solide Werte: Umsatzwachstum und steigende KI-Nutzung. Die Stärke des Gewinnanstiegs ist aber nicht gleichbedeutend mit einem vollständigen Umbau des Geschäfts.
Die zentrale Frage bleibt die Bewertung auf lange Sicht: Entscheidend ist, ob KI zu dauerhaft besseren Erträgen führt – nicht nur zu besseren Zahlen in einem Quartal.
Der Preis, in der Oberfläche eines anderen Anbieters zu arbeiten
Salesforce ist nun in einer besonderen Lage.
Der Konzern ist sowohl ein großer Investor in Anthropic als auch Vertriebspartner für dessen Oberfläche – also für das KI-Chatprogramm als neue Kundenschnittstelle.
Das hat Vorteile: Es stärkt die KI-Position, bringt Nähe zu einem wichtigen KI-Ökosystem (Netzwerk aus Modellen, Werkzeugen und Partnern) und eröffnet Kunden neue Arbeitsabläufe.
Es zeigt aber auch die strategische Herausforderung.
Wenn KI-Oberflächen austauschbar werden, kann die Daten- und Regel-Schicht von Salesforce an Wert gewinnen. Wenn sich Kundenbeziehungen stärker zu KI-Anbietern verlagern, verliert Salesforce potenziell Kontrolle über die Erfahrung – und damit über Preisspielraum, der früher die Margen stützte.
Der Erfolg hängt davon ab, ob mit Infrastruktur genug Wert abgeschöpft werden kann, wenn die Oberfläche jemand anderem gehört.
Signale für den nächsten Schritt
Die nächste Phase hängt davon ab, ob sich die KI-Nutzung in breiteres Geschäftswachstum übersetzt.
- cRPO-Wachstum im Q3-Bericht: cRPO bedeutet „Current Remaining Performance Obligations“, also vertraglich zugesicherte, noch nicht realisierte Umsätze (Auftragsbestand). Das Management knüpft die Belebung im zweiten Halbjahr daran.
- Zusammensetzung des Agentforce-ARR: ARR heißt „Annual Recurring Revenue“, also wiederkehrender Jahresumsatz. Seit diesem Quartal enthält die Zahl auch Slackbot und „Headless 360“ (Funktionen ohne sichtbare Oberfläche, die im Hintergrund laufen). Wachstum durch eine neue Definition ist nicht dasselbe wie Wachstum durch mehr Nutzung.
- Bilanz-Effekt: Entscheidet, ob Kapitalrückgaben (Dividenden und Rückkäufe) die spätere Flexibilität einschränken
Der Markt wird zudem beobachten, ob die Bewegung nach den Zahlen hält. Ein großer Kurssprung lenkt den Blick rasch darauf, ob die neuen Erwartungen erfüllt werden.
Der Markt bewertet die nächste Phase
Salesforce hat eine zentrale Sorge adressiert: KI macht SaaS-Anbieter nicht automatisch überflüssig. Indem Salesforce Daten, Arbeitsabläufe und Regeln für Zugriff in Claude verankert, zeigt der Konzern, dass sein Nutzen über die eigene Software-Oberfläche hinausgehen kann.
Offen bleibt die wirtschaftliche Seite.
Salesforce muss beweisen, dass die Rolle als vertrauenswürdige Schicht hinter KI-Agenten dauerhaft ähnlich viel Wert schafft wie die Kontrolle des Arbeitsablaufs selbst. Das letzte Quartal brachte mehr Nutzung und neues Vertrauen, enthielt aber auch Anlagegewinne, höhere Verschuldung und die Erwartung einer Beschleunigung.
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Was ist Claudeforce und warum ist es für Salesforce wichtig?
Claudeforce ist die Integration von Salesforce und Anthropic. Sie bringt Salesforce-Daten, Arbeitsabläufe und Zugriffsrechte in Claude, sodass Vertriebsaufgaben über KI im Chat erledigt werden können.
Warum stieg die Salesforce-Aktie nach der Ankündigung von Claudeforce?
Anleger sahen darin ein Signal, dass Salesforce von KI-Nutzung profitieren kann, statt von KI verdrängt zu werden.
Löst Claudeforce die KI-Bedrohung für Salesforce?
Es mindert die Sorge, dass KI den Wert klassischer Software-Oberflächen senkt. Ob das Modell langfristig genug Geld abwirft, muss Salesforce noch zeigen.
Worauf achten Anleger nach den jüngsten Quartalszahlen?
Im Fokus stehen KI-Nutzung, die Qualität des Agentforce-ARR, das cRPO-Wachstum und ob die besseren Zahlen in dauerhaftes operatives Wachstum übergehen.
Was ist das größte Risiko der KI-Strategie von Salesforce? Die Frage ist, ob Salesforce genug Wert abschöpfen kann, wenn KI-Oberflächen wichtiger werden – und ob der bisherige Preisspielraum des klassischen Softwaremodells erhalten bleibt.
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