Kernaussagen:
- Eine Fair-Value-Gap (FVG) ist eine Drei-Kerzen-Preis-Unwucht (Ungleichgewicht), bei der der Kurs so schnell läuft, dass ein Preisbereich ausgelassen wird.
- Solche Lücken entstehen, wenn starker Kauf- oder Verkaufsdruck nicht ausgeführte Orders (Aufträge) zurücklässt.
- Der Kurs kehrt oft in diesen Bereich zurück, um ihn „auszuhandeln“. Das kann eine mögliche Einstiegszone sein.
- Fair-Value-Gaps gibt es in Devisen, Indizes und Rohstoffen – in jedem Zeitfenster.
- Keine Lücke muss sich zwingend „schließen“. Risikobegrenzung und Bestätigung bleiben entscheidend.
Kurse bewegen sich selten gleichmäßig. Manchmal springen sie so schnell, dass im Chart ein nicht gehandelter Bereich bleibt. Im CFD-Handel (Differenzkontrakte, Derivate auf Kursbewegungen) nennt man das Fair-Value-Gaps. Sie markieren Zonen, in denen Käufer oder Verkäufer kurzzeitig klar die Kontrolle hatten.
Viele Trader beobachten diese Zonen, weil der Kurs später häufig dorthin zurückläuft. Wer sie richtig liest, findet präzise Einstiege und sinnvolle Stopps. Dieser Leitfaden erklärt, was ein FVG ist, warum es entsteht und wie man es diszipliniert handelt. Außerdem: Vergleich mit Order Blocks und wie oft sich solche Lücken tatsächlich schließen.
Was ist eine Fair Value Gap?

Eine Fair Value Gap ist ein Bereich im Chart, in dem der Kurs so stark lief, dass eine Unwucht (ungleiche Kräfte zwischen Käufern und Verkäufern) zurückblieb. Über drei Kerzen bewegt sich der Markt sehr schnell in eine Richtung.
Dabei bleibt zwischen der ersten und der dritten Kerze ein Bereich, der nicht sauber gehandelt wurde. Das nennt man FVG. Es ist ein Moment, in dem Käufer oder Verkäufer klar dominiert haben.
Definition Fair Value Gap
Ein FVG ist eine Preis-Unvollständigkeit (Bereich, in dem kaum oder gar nicht gehandelt wurde). Käufer oder Verkäufer waren so aggressiv, dass der Handel einseitig wurde.
Das zeigt sich als sichtbarer Abstand zwischen Kerzen. Viele Trader erwarten, dass der Kurs später zurückkommt, um die ausgelassenen Preise nachzuholen.
Die Drei-Kerzen-Struktur, die ein FVG erzeugt
Jede FVG entsteht aus einem Drei-Kerzen-Muster. Die mittlere Kerze ist groß und impulsiv. Die Lücke liegt zwischen den Dochten (Wicks) der ersten und der dritten Kerze.
- Bei einer Aufwärtsbewegung liegt die Lücke zwischen dem Hoch der 1. Kerze und dem Tief der 3. Kerze.
- Bei einer Abwärtsbewegung liegt die Lücke zwischen dem Tief der 1. Kerze und dem Hoch der 3. Kerze.
- Die mittlere Kerze zeigt den Impuls, der die Unwucht auslöst.
Herkunft des Konzepts (Smart Money Concepts / ICT)
Die Idee stammt aus Smart Money Concepts (SMC: Ansätze, die in Kursbewegungen das Handeln großer Marktteilnehmer sehen). Verbreitet wurde sie durch ICT (Inner Circle Trader: Lehransatz zur Chartanalyse).
Die Theorie: Große Institutionen hinterlassen Spuren, wenn sie den Markt schnell bewegen. Eine FVG gilt als solche Spur. Wichtig: Das ist ein interpretationsbasierter Ansatz, keine feste Regel. Er funktioniert am besten zusammen mit weiteren Signalen.
Wichtige Begriffe: Unwucht, Unvollständigkeit, Liquidität
Einige Grundbegriffe tauchen dabei immer wieder auf:
- Unwucht (Imbalance): eine Phase, in der Käufer oder Verkäufer klar überwiegen.
- Unvollständigkeit (Inefficiency): ein Preisbereich, der ausgelassen und nicht sauber gehandelt wurde.
- Liquidität: viele Kauf- und Verkaufsaufträge im Markt, die der Kurs oft „ansteuert“.
- „Füllen“ (Fill): wenn der Kurs in den Bereich zurückläuft und dort wieder handelt.
Was verursacht eine Fair Value Gap?
Diese Lücken entstehen, wenn das Gleichgewicht zwischen Käufern und Verkäufern kurz kippt. Wer die Ursachen kennt, kann wichtigere von unwichtigen Zonen trennen.
1. Ungleichgewicht zwischen Kauf- und Verkaufsdruck
Der Kern ist die Unwucht: Eine Seite überrollt die andere. Strömen Käufer in den Markt, springt der Kurs, bevor Verkäufer reagieren. Dominieren Verkäufer, fällt der Kurs genauso schnell. Diese einseitige Bewegung hinterlässt die Lücke.
2. Schnelle Bewegungen und nicht ausgeführte Orders
Schnelle Moves lassen oft nicht ausgeführte Orders zurück. Nicht jeder kann zu jedem Kurs handeln, weil der Markt zu schnell läuft. Typische Auslöser:
- Wichtige Konjunkturmeldungen, etwa Zinsentscheidungen.
- Quartalszahlen, die überraschen.
- Stimmungsumschwung oder Eilmeldungen.
- Dünne Liquidität (wenig Handelsvolumen), die Kurssprünge zwischen Niveaus begünstigt.
Warum Fair-Value-Gaps in Devisen, Indizes und Rohstoffen auftreten
Das Prinzip gilt überall, wo Kerzencharts genutzt werden. Das ist für CFD-Trader praktisch, die mehrere Anlageklassen handeln.
- Im Devisenhandel entstehen Lücken oft rund um Nachrichten, etwa Notenbanksitzungen.
- Bei Indizes treten sie nach starken Handelstagen oder durch Bewegungen außerhalb der Haupthandelszeiten auf.
- Bei Rohstoffen wie Gold und Öl entstehen sie nach Angebots- und Nachfrageschocks.
Wie erkennt man eine Fair Value Gap?
Das Erkennen sauberer Lücken ist Übungssache. Wer sie schnell identifiziert, plant Trades klarer. So finden Sie die Zonen in jedem Chart.
1. Die Drei-Kerzen-Regel – Schritt für Schritt
Die einfachste Methode:
- Suchen Sie eine starke mittlere Kerze mit klarer Bewegung.
- Betrachten Sie die Kerze davor und danach.
- Prüfen Sie, ob zwischen den Dochten der 1. und 3. Kerze ein Bereich liegt.
- Wenn dieser Bereich nicht gehandelt wurde, liegt eine Unwucht vor.
2. Bullische vs. bärische Fair Value Gaps
Die Richtung zeigt die Tendenz. Eine bullische Fair Value Gap entsteht bei starkem Anstieg, eine bärische Fair Value Gap bei starkem Rückgang.
| Merkmal | Bullische FVG | Bärische FVG |
| Mittlere Kerze | Starke Aufwärtskerze | Starke Abwärtskerze |
| Lücke liegt zwischen | Hoch von Kerze 1 und Tief von Kerze 3 | Tief von Kerze 1 und Hoch von Kerze 3 |
| Bias (Grundrichtung) | Bei Rücklauf nach Long-Einstiegen suchen | Bei Rücklauf nach Short-Einstiegen suchen |
| Typischer Einstieg | Kurs taucht in die Zone zurück | Kurs steigt in die Zone zurück |
3. Die Gap-Zone im Chart markieren
Markieren Sie die Zone als Rechteck zwischen Ober- und Unterkante. Das ist Ihre Beobachtungszone. Einfaches Beispiel in EUR/USD:
- Hoch der 1. Kerze: 1,1000.
- Eine starke mittlere Kerze treibt den Kurs nach oben.
- Tief der 3. Kerze: 1,1030.
- Zone: 1,1000 bis 1,1030 – eine Unwucht von 30 Pips (Pip = kleine Standardeinheit der Kursbewegung im Devisenhandel).
4. Zeitfenster und schwache Lücken meiden
FVGs gibt es in jedem Zeitfenster, aber nicht jede ist handelbar. Höhere Zeitebenen liefern oft robustere Signale. Scalping (sehr kurzfristiger Handel mit kleinen Zielen) auf 1 oder 5 Minuten ist beliebt, erzeugt aber viele schwache Setups. Filter:
- Zonen bevorzugen, die zum Trend der höheren Zeitebene passen.
- Sehr kleine Lücken ignorieren, wenn kaum Platz für Risiko und Ziel bleibt.
- Lücken nach echtem Impuls bevorzugen, nicht nach langsamer Seitwärtsdrift.
Wie handelt man Fair Value Gaps?

Wer die Lücke erkennt, kann einen Plan bauen. Eine solide FVG-Strategie wartet, bis der Kurs in die Zone zurückkommt. Sie jagen nicht dem Ausbruch hinterher, Sie warten auf den Rücklauf.
1. Die Gap als Einstiegszone nutzen (Rücklauf/„Fill“ abwarten)
Der häufigste Ansatz: Die Lücke ist die Einstiegszone. Nach dem Impuls warten Sie auf eine Korrektur (Retracement: Rücklauf gegen die vorherige Bewegung) in die Zone. Dann achten Sie auf Hinweise, dass der Kurs wieder dreht und dem Trend folgt. So vermeiden Sie teure Einstiege nach dem Ausbruch.
Beispiel, bullische EUR/USD-Lücke:
- Zone: 1,1000 bis 1,1030.
- Sie warten auf den Rücklauf in die Zone.
- Einstieg Long nahe der Mitte bei 1,1015.
- Stop-Loss (automatischer Verluststopp) unter der Zone bei 1,0995.
- Ziel: vorheriges Hoch bei 1,1075.
Das sind 20 Pips Risiko und 60 Pips Chance – ein Chance-Risiko-Verhältnis von 1:3.
2. Fair Value Gaps mit Order Blocks und Marktstruktur kombinieren
Eine Lücke ist stärker, wenn weitere Hinweise passen. Die Kombination aus Fair Value Gap und Order Block kann Einstiege präziser machen. Ein Order Block ist die letzte Kerze vor einem starken Impuls. Liegt die Lücke im oder am Order Block, wird die Zone für viele Trader relevanter.
Beachten Sie auch die Marktstruktur (Abfolge von Hochs/Tiefs, Trend- und Korrekturphasen):
- Zonen bevorzugt in Trendrichtung der höheren Zeitebene handeln.
- Vor einer Gegenbewegung auf einen Strukturbruch (Break of Structure: Bruch eines wichtigen Hochs/Tiefs) achten.
- Lücken meiden, die klar gegen einen starken Trend stehen.
3. Stopps und Ziele rund um die Gap setzen
Klare Stopps und Ziele machen Trades messbar. Der Stop liegt knapp hinter der entfernten Kante der Lücke. So kann der Kurs die Zone handeln, ohne Sie unnötig auszustoppen. Ziele orientieren sich an:
- Letztem markanten Swing-Hoch oder Swing-Tief (Zwischenhoch/-tief).
- Nächster sichtbarer Liquiditätszone (Bereich mit vielen Orders).
- Fester Zielvorgabe über Chance-Risiko, etwa 1:2 oder 1:3.
4. Risikomanagement und Positionsgröße
Risikomanagement bedeutet, Verluste pro Trade zu begrenzen. Riskieren Sie nur einen kleinen, festen Prozentsatz. Die Positionsgröße (Lotgröße) berechnet daraus die konkrete Trade-Größe.
- Kontostand: 5.000 US-Dollar.
- Risiko pro Trade: 1% = 50 US-Dollar.
- Stop-Abstand: 20 Pips.
- Pip-Wert pro Standard-Lot: ca. 10 US-Dollar.
- Positionsgröße = 50 ÷ (20 × 10) = 0,25 Lots.
In MetaTrader 4 und MetaTrader 5 können Sie Stop-Loss und Take-Profit (automatisches Gewinnziel) direkt setzen.
Fair Value Gap vs. Order Block vs. Unwucht
Die Begriffe werden oft verwechselt, weil sie sich überschneiden. Alle beschreiben Spuren starker Bewegungen, bedeuten aber nicht dasselbe.
| Konzept | Bedeutung | Nutzung |
| Fair Value Gap | Drei-Kerzen-Zone, die nicht sauber gehandelt wurde | Einstiegszone beim Rücklauf |
| Order Block | Letzte Kerze vor dem starken Impuls | Ursprung der Bewegung, oft zusammen mit FVG |
| Allgemeine Unwucht | Jede einseitige Bewegung | Kontext für Momentum (Bewegungsstärke) |
| Liquidity Void | Größerer Bereich mit wenig Handel | Zone, durch die der Kurs oft schnell läuft |
Fair Value Gap vs. Order Block
Die FVG ist der ausgelassene Bereich nach einem schnellen Impuls. Der Order Block ist die Kerze, die den Impuls startet. Viele Trader kombinieren beides, weil eine Lücke nahe am Order Block oft als wichtigere Zone gilt.
Gegenüber einer allgemeinen Unwucht
Jede FVG ist eine Unwucht, aber nicht jede Unwucht ist eine FVG. „Unwucht“ ist der Oberbegriff. Die FVG ist die klar definierte Drei-Kerzen-Variante.
Gegenüber einem Liquidity Void
Ein Liquidity Void (Liquiditätslücke) ist größer und kann viele Kerzen umfassen. Eine FVG ist kleiner und klarer messbar. Das Void zeigt einen weiten Bereich mit wenig Handel, die FVG eine konkrete Zone für einen Plan.
Schließen sich Fair-Value-Gaps – und wie verlässlich sind sie?
FVGs schließen sich häufig, aber nicht immer. Wer das Schließen als sicher annimmt, macht oft teure Fehler.
Warum der Kurs oft zur Lücke zurückläuft
Der Kurs läuft oft zurück, um den ausgelassenen Bereich zu handeln. Die nicht ausgeführten Orders wirken wie ein Anziehungspunkt. Marktteilnehmer, die zuvor nicht zum Zug kamen, wollen dort handeln. Deshalb ist der Rücklauf so häufig.
Schließen sich alle Fair-Value-Gaps?
Nein. Manche schließen schnell, manche später, manche nie. Ein starker Trend kann eine Lücke hinterlassen und weiterlaufen. Nutzen Sie die Zone als Beobachtungsbereich, nicht als Versprechen.
Häufige Fehler
Typische Fehler:
- Davon ausgehen, dass jede Lücke schließen muss, und Verluste zu lange laufen lassen.
- Zu kleine Lücken handeln.
- Trend und Marktstruktur der höheren Zeitebene ignorieren.
- Ohne Bestätigung einsteigen, obwohl der Kurs nicht reagiert.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
F1: Was ist eine Fair Value Gap einfach erklärt?
Eine Fair Value Gap ist ein Bereich, den der Kurs durch eine schnelle Bewegung ausgelassen hat. Sie entsteht über drei Kerzen: Die mittlere Kerze ist sehr stark, zwischen der ersten und dritten bleibt ein nicht gehandelter Bereich. Trader beobachten ihn, weil der Kurs häufig zurückkommt.
F2: Schließen sich alle Fair-Value-Gaps?
Nein. Viele schließen sich, weil der Kurs zurückläuft. Manche schließen spät, manche nie. In starken Trends bleibt eine Lücke mitunter offen. Daher ist die Zone ein Hinweis, kein sicheres Ziel.
F3: Was ist der Unterschied zwischen Fair Value Gap und Order Block?
Die FVG ist der ausgelassene Bereich nach dem schnellen Impuls. Der Order Block ist die letzte Kerze vor dem Impuls. Die Lücke ist die Unvollständigkeit, der Order Block der Ausgangspunkt. Zusammen gelten sie vielen Tradern als stärkere Zone.
F4: Welche Zeitebene ist für Fair-Value-Gaps am besten?
Eine „beste“ Zeitebene gibt es nicht. Höhere Zeitebenen wie 1 Stunde oder 4 Stunden liefern oft verlässlichere Lücken. Niedrige Zeitebenen liefern mehr Signale, aber mehr Störbewegungen. Viele markieren die Zone oben und suchen den Einstieg unten.
F5: Sind Fair-Value-Gaps verlässlich?
Sie können helfen, sind aber nicht sicher. Eine FVG ist ein Werkzeug, kein garantiertes Signal. Am besten funktioniert sie mit Bestätigung, sauberer Marktstruktur und konsequenter Risikobegrenzung.