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Moderna, Merck und die unterschiedlichen Bewertungsansätze der Märkte für einen Durchbruch

by VT Markets
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Aug 21, 2026

Am Mittwoch, dem 19. August, teilte Moderna mit, dass seine personalisierte mRNA-Krebstherapie in einer Phase-3-Studie erfolgreich war. Die Aktie schoss daraufhin nach oben. Die Papiere sprangen um 177% und mehr als verdoppelten sich in nur einer Sitzung auf über 174 US-Dollar. Auch Merck, Partner in dem Programm, legte zu: plus 12,6%.

Am Tag danach lief es auseinander. Bis Donnerstagnachmittag fiel Moderna zeitweise um bis zu 25% auf etwa 129 US-Dollar und schloss am Ende rund 19% tiefer. Damit lösten sich fast 18 Mrd. US-Dollar Börsenwert in Luft auf. Merck beendete denselben Handelstag dagegen nur 0,57% im Minus.

An den Studiendaten hatte sich nichts geändert. Entscheidend war, wie Anleger einschätzen, ob die Firmen den wissenschaftlichen Durchbruch in dauerhaftes Geschäft und Gewinne übersetzen können.

Was die Studie gezeigt hat

Intismeran autogene ist eine personalisierte Krebstherapie: Sie wird aus den individuellen Genveränderungen (Mutationen) im Tumor eines Patienten abgeleitet. Ziel ist, das Immunsystem so zu „trainieren“, dass es die Krebszellen erkennt und angreift.

Die Therapie wird zusammen mit Mercks Keytruda eingesetzt, nicht als Ersatz. Keytruda ist ein Immun-Checkpoint-Hemmer (ein Medikament, das „Bremsen“ des Immunsystems löst, damit es Tumoren besser bekämpfen kann).

In der INTerpath-001-Studie erreichte die Kombination den wichtigsten Prüfpunkt („primärer Endpunkt“) namens rezidivfreies Überleben (Zeit ohne Wiederauftreten des Krebses). Zudem wurde ein weiterer Prüfpunkt („sekundärer Endpunkt“) erreicht: metastasenfreies Überleben ohne Fernmetastasen (Zeit ohne Streuung in entfernte Organe) bei Patienten mit Melanom im Stadium IIB bis IV nach Operation.

Es ist der erste positive Spätphasen-Erfolg („Late-Stage“, also Phase 3) für eine mRNA-basierte Krebstherapie. mRNA ist eine Art Bauanleitung, die Körperzellen kurzfristig nutzen, um Proteine herzustellen.

Auffällig: Die Mitteilung nannte weder Hazard Ratios noch genaue Wirksamkeitszahlen. Eine Hazard Ratio beschreibt, wie stark sich das Risiko für ein Ereignis (z.B. Rückfall) zwischen Behandlungsgruppen unterscheidet. Der Markt reagierte also auf ein „Topline“-Signal (Kernergebnis ohne viele Details) – und bewertete damit nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die spätere Vermarktung.

Gleicher Durchbruch, unterschiedlicher Börsenwert

Moderna entwickelte die Therapie und besitzt die zugrunde liegende mRNA-Plattform (Technologie-Baukasten zur Entwicklung mehrerer Produkte). Merck liefert Keytruda, Erfahrung mit Zulassungen und weltweite Vermarktung.

Beide profitieren, aber der Markt gewichtet die Chancen anders.

  • Bei Moderna steht die Plattform im Fokus: Eine funktionierende personalisierte mRNA-Krebstherapie könnte später auf mehrere Krebsarten ausgedehnt werden.
  • Bei Merck ist der Nutzen kurzfristiger: Die Kombination könnte das Keytruda-Geschäft stützen – während ein großer Patentablauf („Patentklippe“) droht. „Patentklippe“ bedeutet: Nach Patentende kommen Nachahmerprodukte, Preise und Umsätze fallen häufig schnell.

Die Frage war weniger, wer den Durchbruch gemacht hat, sondern wer ihn am besten in Umsatz und Gewinn verwandeln kann.

Mercks klarerer Weg zur Vermarktung

Mercks Aufgabe ist klar: Einbruch bei Keytruda-Umsätzen vor dem Ende des Patentschutzes abfedern.

Keytruda brachte rund 25,3 Mrd. US-Dollar Jahresumsatz und gehört zu den umsatzstärksten Arzneien der Welt. Die Exklusivität in den USA endet im Dezember 2028. Zudem greifen ab Januar 2028 staatliche Preisregeln aus dem Inflation Reduction Act für ausgewählte Medikamente – das ist ein US-Gesetz, das unter anderem Preisverhandlungen/Preisgrenzen für einige Arzneien ermöglicht.

Eine erfolgreiche Kombination mit Intismeran könnte die wirtschaftliche Lebensdauer von Keytruda verlängern. Merck würde damit ein bestehendes Geschäftsmodell stärken, statt ein völlig neues Produkt von Grund auf aufzubauen.

Das spiegelte sich in Analystenreaktionen: Morgan Stanley stufte Merck auf „Overweight“ hoch (Analystenurteil: soll besser laufen als der Markt) und viele hoben ihre Kursziele an, weil Pipeline-Projekte (Entwicklungsprogramme) Druck durch den Patentablauf abfedern könnten.

Merck startete zudem mit stärkerer Finanzbasis: Keytruda allein brachte im ersten Halbjahr 2026 über 16 Mrd. US-Dollar operativen Mittelzufluss („Cashflow“), also Geld, das nach laufendem Geschäft übrig bleibt. Das schafft Spielraum für Entwicklung und Vermarktung.

Moderna muss Potenzial in Umsatz verwandeln

Bei Moderna ist die Lage anders.

Die Plattform ist wertvoll, doch das Unternehmen muss noch zeigen, dass daraus verlässliche Gewinne entstehen.

Im zweiten Quartal 2026 meldete Moderna 145 Mio. US-Dollar Umsatz und einen Nettoverlust von 782 Mio. US-Dollar. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E, also Kosten für Studien, Personal und Labore) lagen bei 651 Mio. US-Dollar – deutlich über dem Umsatz.

Ende Juni verfügte Moderna über 6,9 Mrd. US-Dollar an Barmitteln und Anlagen, nach 7,5 Mrd. drei Monate zuvor. Das Management erwartet zum Jahresende 4,7 bis 5,2 Mrd. US-Dollar.

Zudem lief nicht jedes mRNA-Projekt rund: Modernas Norovirus-Kandidat mRNA-1403 verfehlte in einer Zwischenanalyse der Phase 3 die statistischen Kriterien. Das heißt: Das Ergebnis war nicht überzeugend genug, um Wirkung mit hoher Sicherheit zu belegen.

Der Erfolg in der Krebstherapie verbessert die Perspektive, ändert aber kurzfristig nicht die Finanzlage.

ModernaMerck
HauptbeitragmRNA-Plattform und personalisierte TherapieKeytruda, Vermarktung in großem Maßstab und Vertrieb
Lage Q2 2026145 Mio. USD Umsatz, 782 Mio. USD NettoverlustKeytruda brachte >16 Mrd. USD Cashflow im 1. Halbjahr
Bedeutung der Datengrößeres Plattform-Potenzialschützt bestehende Umsätze
Aktienbewegung (2 Tage)+177%, danach Rückgang um etwa ein Fünftel+12,6%, Gewinne weitgehend gehalten

Bei Moderna basiert die Chance auf „Optionalität“: Viele mögliche Folgeerfolge, deren Eintritt aber unsicher ist. Das Unternehmen hat neun Phase-2- und Phase-3-Studien zu Intismeran in Arbeit – u.a. bei Melanom, nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, Blasenkrebs und Nierenzellkarzinom. Phase 2 prüft vor allem optimale Dosis und erste Wirksamkeitssignale, Phase 3 ist der große Wirksamkeitsnachweis gegen Standardtherapie.

Gelingt die Übertragung auf mehrere Krebsarten, wächst das Potenzial stark. Gleichzeitig ist es für den Markt schwerer zu bewerten, weil laufende Erträge als Stabilitätsanker fehlen.

Die Patentklippe verändert die Branche

Die Moderna-Merck-Partnerschaft passt in einen breiten Trend.

Bis 2030 könnten rund 300 Mrd. US-Dollar Markenmedikament-Umsatz durch Patentabläufe unter Druck geraten. Gleichzeitig ziehen Übernahmen und Kooperationen („Deal-Aktivität“) an, weil große Konzerne Ersatzwachstum suchen.

Große Pharmakonzerne suchen nicht nur neue Forschung, sondern neue Umsatzquellen, bevor alte wegbrechen. Das verschiebt die Kräfte zwischen Biotech und Big Pharma: Kleine Firmen liefern Innovation, große bringen Kapital, Zulassungserfahrung und Vertriebsnetz.

BioNTech zeigte die andere Seite: Die Aktie, die eigene personalisierte Krebsimpfprogramme entwickelt, fiel am selben Tag um 4%. Der Markt sah die Daten als Bestätigung der Technologie, aber auch als mehr Konkurrenz.

Risiken hinter dem Optimismus

Die Kursreaktionen erzählen nicht die ganze Geschichte.

Das größte Risiko ist die Herstellung: Personalisierte Krebstherapien erfordern, dass jede Dosis für einen einzelnen Patienten produziert wird. Produktion hochzufahren („Scaling“), konstante Qualität sicherzustellen und die Logistik zu beherrschen, sind offene Punkte.

Beim Preis bleibt ebenfalls Unsicherheit: Es gibt noch kein etabliertes Modell, wie Gesundheitssysteme personalisierte Krebsbehandlungen in großem Umfang bezahlen. Gute Studiendaten garantieren keinen wirtschaftlichen Erfolg.

Langfristig spricht dennoch einiges für Moderna: Wenn Intismeran auch bei weiteren Krebsarten wirkt, kann der Wert deutlich größer werden. Der Abstand zwischen Moderna und Merck spiegelt vor allem die heutige Finanzkraft.

Worauf es als Nächstes ankommt

Die Wissenschaft ist einen Schritt weiter. Nun geht es um Umsetzung und wirtschaftlichen Nutzen.

Entscheidend sind:

  • Ergebnisse weiterer Studien, vor allem bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs und Blasenkrebs – als Test, ob die Plattform über das Melanom hinaus funktioniert.
  • Zeitplan der Zulassungsbehörden und ob die Firmen schnell in Gespräche über eine Marktzulassung kommen. Zulassung heißt: Behörden prüfen Nutzen, Risiken und Produktionsqualität, bevor ein Medikament verkauft werden darf.
  • Modernas Finanzlage und ob sich künftiges Kapital (z.B. über Aktien oder Anleihen) zu besseren Konditionen beschaffen lässt.
  • Neue Partnerschaften zwischen Biotech und Pharma: Sie zeigen, ob die Entwickler bei Vertragsbedingungen mehr Verhandlungsmacht gewinnen.

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