
PayPal wirkte lange wie ein Unternehmen, dem der Markt nicht mehr vertraut. Das änderte sich am 15. Juli: Die Aktie sprang um 17%, nachdem Stripe und Advent International ein Übernahmeangebot von 60,50 US-Dollar je Aktie vorgelegt hatten. Das bewertet PayPal mit mehr als 53 Mrd. US-Dollar.
Das Angebot liegt rund 28% über dem letzten Schlusskurs (Aufschlag/„Prämie“: der Mehrpreis, den Käufer über dem Börsenkurs zahlen). Es wird durch etwa 50 Mrd. US-Dollar zugesagte Bankkredite finanziert. Die Logik: Stripe bekommt eine bekannte Marke für Privatkunden, PayPal könnte Teil eines größeren Ökosystems für digitale Zahlungen werden.
Unklar ist der Preis: Ob 60,50 US-Dollar fair sind oder ob mehr möglich ist, entscheidet sich in den nächsten Schritten.
Nichts ist entschieden. PayPal, Stripe und Advent wollten sich nicht äußern, und PayPal hat bislang nicht reagiert. Das Angebot folgt zudem auf eine frühere, nicht öffentliche Kontaktaufnahme im April. Die Gespräche laufen offenbar seit Monaten.
PayPals Neuausrichtung unter neuer Führung
PayPal hat jüngst CEO Alex Chriss nach schwachen Prognosen ersetzt („Guidance“/Prognose: die Erwartungen des Managements zu Umsatz und Gewinn). Enrique Lores, zuvor bei HP, übernahm als Präsident und CEO. Damit bewertet ein neues Management das Angebot – nicht das Team, dessen Strategie an der Wall Street zuletzt auf mehr Zweifel stieß.
Das heißt nicht, dass PayPal zustimmt. Ein von Reuters zitierter Analyst erwartet, dass der neue CEO das Angebot als zu niedrig einstufen könnte.
“Wir glauben nicht, dass PayPals neuer CEO ein Angebot akzeptiert, das als zu niedrig gelten könnte. Wenn das aktuelle Angebot nur der erste Schritt ist, könnten Stripe und Advent bis auf 70 US-Dollar je Aktie gehen.” – William-Blair-Analyst Andrew Jeffrey
Der Führungswechsel verändert die Lage: Lores muss keinen Sanierungsplan verteidigen, den er selbst entworfen hat („Turnaround“/Sanierung: Maßnahmen, um Wachstum und Profitabilität nach einer Schwächephase wiederherzustellen).
Warum Stripe PayPal will
Stripe hat eine Lücke: Das Unternehmen hat die Technik für Händler aufgebaut, aber keine direkte Beziehung zu Privatkunden.
Stripe wickelt Zahlungen für viele Online-Shops ab – beim Bezahlen sehen Kunden den Namen Stripe oft gar nicht.
PayPal und Venmo sind dagegen Marken, die Verbraucher kennen und bewusst auswählen.
Mit PayPal würde Stripe beide Seiten einer Zahlung abdecken:
| Stripe | PayPal |
| Zahlungs-Infrastruktur für Händler (Technik im Hintergrund) | Direkter Zugang zu Privatkunden (Nutzerbeziehung) |
| Plattform für Unternehmen | Digitale Geldbörse für Verbraucher (Wallet: App/Konto zum Bezahlen) |
| Technik für den Bezahlvorgang (Checkout) | Direkte Nutzerbindung |
Damit würde Stripe vom reinen „Zahlungsabwickler im Hintergrund“ zu einem Anbieter mit direktem Privatkundenzugang.
Stripes Vorstoß bei digitalen Zahlungen
Das Interesse passt zu Stripes Plan, die Infrastruktur für digitale Zahlungen auszubauen.
Stripe besitzt bereits Bridge. Bridge liefert Unternehmen Technik für Stablecoins (Stablecoin: Digitalgeld, das an eine stabile Währung wie den US-Dollar gekoppelt ist), darunter grenzüberschreitende Zahlungen und Lösungen für die Einhaltung von Regeln („Compliance“: Prozesse, damit Gesetze und Vorgaben eingehalten werden). Was fehlt, ist ein großes Netzwerk von Privatkunden, das diese Technik in den Alltag bringt.
PayPals PYUSD schließt diese Lücke. PayPal hat bereits ein reguliertes Stablecoin-Produkt für Verbraucher aufgebaut („reguliert“: unter Aufsicht und nach Regeln der Behörden), mit rund 2,8 Mrd. US-Dollar im Umlauf.
Stripes Händlernetz plus PayPals Wallet würde beide Seiten verbinden: Unternehmen, die schnelle Abwicklung brauchen („Settlement“/Abwicklung: endgültige Verbuchung einer Zahlung), und Nutzer, die digitale Bezahlprodukte bereits verwenden.
Die Kontrolle über die Kundenbeziehung
Der größte Vorteil ist wohl weniger „Krypto“ selbst als die Kontrolle über die Kundenbeziehung.
Stripe arbeitete bisher meist im Hintergrund und baute keine starke Verbrauchermarke auf. Die Partnerschaft mit Crypto.com zeigt, dass Stripe Wege testet, näher an den Endkunden zu rücken: Crypto.com Pay kann bei Händlern eingesetzt werden, die Stripe nutzen.
Doch Partnerschaften haben Grenzen: Stripe „besitzt“ den Kunden nicht. Mit PayPal wäre das anders. Stripe würde das Zahlungsnetz für Verbraucher selbst kontrollieren.
Advent macht diese Strategie finanzierbar.
Stripe liefert die Strategie, Advent die Finanzkraft und Erfahrung als Finanzinvestor („Private Equity“: Beteiligungsgesellschaft, die Unternehmen kauft und umbaut). Advents Rolle ist vor allem, die Finanzierung zu unterstützen und PayPal nach einer Übernahme außerhalb der Börse zu entwickeln („privates Unternehmen“: nicht börsennotiert).
So funktioniert die Struktur: Stripe bekommt die Verbraucherplattform, Advent bringt Kapital und operative Unterstützung, um das Geschäft nach der Übernahme umzubauen.
Wie es bei PayPal weitergeht
Das Angebot ist ein Startpunkt. Der Verwaltungsrat („Board“: oberstes Aufsichtsgremium) soll laut Erwartungen spätestens am 20. Juli beraten. Das ist keine Entscheidung. Bei einem nicht angeforderten Übernahmeangebot („unaufgefordert“: ohne dass das Zielunternehmen einen Verkauf gesucht hat) folgt meist zuerst eine formale Prüfung – mit Anwälten und Banken – bevor ernsthafte Verhandlungen beginnen.
Der Preis kann sich ändern. Laut dem William-Blair-Analysten könnte das Konsortium bei einem „ersten Angebot“ bis auf 70 US-Dollar je Aktie gehen. Das ist Spekulation. Bessere Geschäftszahlen könnten aber Argumente für einen höheren Preis liefern.
Auch die Käuferseite ist komplexer. Reuters nannte zunächst Stripe und Advent als gemeinsame Käufer, CNBC berichtete später, Block könne dazu kommen. Demnach würden drei Unternehmen zusammen 17 Mrd. US-Dollar Eigenkapital beisteuern („Equity“/Eigenkapital: Geld der Eigentümer, nicht Kredit).
Damit kann sich die Struktur weiter verändern.
Der Ergebnis-Test
Für Aktionäre entsteht eine neue Abwägung.
Acht Tage später, am 28. Juli, veröffentlicht PayPal die Zahlen zum zweiten Quartal.
- Wenn PayPal zeigt, dass die Sanierung greift: Der Verwaltungsrat kann eher argumentieren, dass das Angebot das Unternehmen zu niedrig bewertet. Die Aktie könnte in Richtung Angebotspreis laufen – und darüber, falls der Markt mit einem höheren Angebot rechnet.
- Wenn die Zahlen enttäuschen, könnte die Prämie für viele Aktionäre attraktiver wirken. Ein Teil der jüngsten Kursgewinne aus „Übernahmefantasie“ könnte wieder verschwinden.
Die Aktie liegt weiter mehr als 81% unter den Höchstständen aus der Pandemie. Für manche Anleger kann ein Aufschlag von 28% ein Ausstieg nach Jahren schwacher Entwicklung sein – unabhängig davon, was das Management für möglich hält.
PayPal meldete im ersten Quartal 439 Millionen aktive Konten, nur rund 1% mehr als ein Jahr zuvor. Die Kontozahl allein erklärt den Wert jedoch nicht.
| Kennzahl | Q1 |
| Umsatz | 8,35 Mrd. US-Dollar |
| Umsatzwachstum | +7% zum Vorjahr |
| Zahlungsvolumen | ca. 464 Mrd. US-Dollar |
| Wachstum Zahlungsvolumen | +8% währungsbereinigt (ohne Wechselkurseffekte) |
| Geplante Kostensenkung | 1,5 Mrd. US-Dollar über 2–3 Jahre |
Ein Käufer zahlt nicht für Konten „an sich“. Entscheidend sind Nutzer, die PayPal beim Bezahlen weiter wählen, Transaktionen auslösen („Transaktionsvolumen“: Summe der abgewickelten Zahlungen) und trotz Konkurrenz wie Apple Pay, gespeicherten Karten und anderen digitalen Geldbörsen aktiv bleiben.
Genau das müssen die Zahlen am 28. Juli zeigen. Die Strategie wirkt klar – die Bewertung noch nicht.
Händler und Investoren schauen genau hin
Die nächsten zwei Wochen sind entscheidend für PayPals Kurs.
Wichtig zu beobachten:
- Wachstum beim „branded checkout“ (Bezahlen mit sichtbarer PayPal-Marke im Checkout)
- Monetarisierung von Venmo (Monetarisierung: wie aus Nutzung Umsatz und Gewinn wird)
- Fortschritt bei Kostensenkungen
- Ausblick des Managements für den Rest des Jahres (Ausblick: erwartete Entwicklung von Umsatz/Gewinn)
Die Argumente für den Kauf sind einfach: Stripe will, was PayPal hat – eine bekannte Marke, viele Nutzer und eine etablierte digitale Geldbörse.
Schwieriger ist die Frage, ob diese Werte in Stripes Gesamtangebot („Ökosystem“: eng verknüpftes Netz aus Produkten, Kunden und Partnern) mehr wert sind als PayPal allein.
So oder so: Die nächsten zwei Wochen liefern mehr Hinweise als die nächste Schlagzeile.
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